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Wie Musik uns beeinflusst

https://www.spektrum.de/news/macht-musik-intelligent/1151099


Ein Interview vom 11.5.2012


Herr Professor Altenmüller, inwiefern fördert Musik unsere geistigen Fähigkeiten?


Eckart Altenmüller: Die Verarbeitung von Melodie und Rhythmus beansprucht viele verschiedene Teile des Gehirns gleichzeitig. Darunter solche, die akustische Signale auswerten – aber auch Areale, die für motorische und exekutive, planende Funktionen zuständig sind. Außerdem spricht uns Musik ja auf einer emotionalen Ebene an, sie macht Spaß, sie "bewegt uns" im wahrsten Sinn. Hier kommen also Gefühle ins Spiel, die von tief im Gehirn liegenden limbischen Strukturen aus das gesamte Denkorgan aktivieren. Kurz: Musik ist neuronal gesehen eine hochvernetzte Angelegenheit.


Vor Jahren machte der so genannte Mozart-Effekt Schlagzeilen, wonach schon ein kurzer Ausschnitt aus einer Klaviersonate Mozarts die räumlich-konstruktiven Fähigkeiten von Probanden verbessere. Eine ganze Industrie mit "IQ-steigernden" CDs etwa für Babys entstand daraus – bis der Effekt einer näheren Prüfungen nicht standhielt. Ganz so einfach ist es mit der Intelligenz nach Noten doch nicht, oder?

Hinter solchen kurzfristigen Wirkungen in IQ-Tests steckt ein simpler Arousal-Effekt. Damit bezeichnen Forscher die gesteigerte Erregung, die sich auch durch Musik erzielen lässt. Solange die Musik eine gewisse Lautstärke nicht überschreitet, wirkt sie aktivierend – eine störende, laute Beschallung führt dagegen zu vermehrter Ablenkbarkeit. Doch auch Kindern, denen man zuvor eine spannende Geschichte vorlas, schneiden bei anschließenden Denkaufgaben häufig etwas besser ab. Das hat nicht primär etwas mit Musik zu tun, sondern mit dem allgemeinen Erregungsniveau.

Was genau bewirkt Musik im Gehirn?

Das bloße Zuhören löst großflächige Aktivierungen nicht nur im auditorischen Kortex aus, also jenem Abschnitt der Großhirnrinde, der Hörreize verarbeitet, sondern auch im Frontal und im Scheitellappen. Denn ein ganz wichtiger Faktor ist das Antizipieren: Musik ist ein Spiel mit Erwartungen, die aufgebaut und in bestimmter Weise durchbrochen werden. Wir spinnen Melodien und Rhythmen im Kopf quasi automatisch fort. Nehmen diese dann eine andere Wendung, erregt das unser Interesse. Entsprechend wird dabei jener Teil des Gehirns beansprucht, der für die Handlungsplanung, aber auch für den Umgang mit Ambiguitäten verantwortlich ist – im Wesentlichen der dorsolaterale Teil des präfrontalen Kortex. Ein gut funktionierendes Stirnhirn fördert das strategische Denken insgesamt.

Inwieweit unterscheidet sich davon die Hirnaktivität beim aktiven Musikmachen?

Regelmäßiges Musizieren bewirkt strukturelle Anpassungen besonders in den für die koordinativen Leistungen wichtigen Hirnbereichen. So besitzen Konzertpianisten meist etwa vergrößerte Areale im linken primär-motorischen Kortex, und zwar eher in jener Region, die die rechte Hand steuert, welche vor allem die Melodielinie spielt. Bei Geigern dagegen leistet die linke Hand die meiste feinmotorische Arbeit, entsprechend fallen bei ihnen eher die Handareale in der rechte Hemisphäre voluminöser aus. In jedem Fall verändert Musikmachen die neuronale Hardware im Kopf.

Ist Musik das bessere "Hirndoping"?


Eckart Altenmüller wollte ursprünglich Musiker werden, doch seine Eltern legten ihm eine "sichere Laufbahn" ans Herz. Deshalb begann er mit einem Medizinstudium. Dennoch gelang es ihm auch nebenher, noch Musik zu studieren – mit Hauptfach Querflöte. Seit 1994 ist er Professor für Musikphysiologie und Musikermedizin an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover.

Jedenfalls übt es eine Reihe von Fähigkeiten, die auch im sonstigen Leben nützlich sind: darunter Koordination, Gedächtnis, Einfühlungsvermögen. Viele Untersuchungen zeigen, dass rege musikalische Beschäftigung im Schnitt mit höherer Intelligenz einhergeht.

Familien, in denen musiziert wird, sind im Schnitt sicher in anderer Hinsicht ebenfalls bildungsnäher. Lässt sich der Zusammenhang zwischen Intelligenz und Musik nicht auch so erklären?

Ja, aber nur zum Teil. Jenseits solcher familiären Einflüsse ist eindeutig belegt, dass Musik – vor allem das aktive Musizieren – den grauen Zellen gut tut. Der Musikunterricht steht hier zu Lande leider immer wieder unter Rechtfertigungsdruck. Dabei ist eine umfassendere Förderung der geistigen Fähigkeiten kaum vorstellbar.

Welche Form des Musizierens bringt Ihrer Meinung nach am meisten?

Am besten ist es, wenn das Musizieren zum Gemeinschaftserlebnis wird – dann macht es meist auch besonders viel Spaß. Studien belegen, dass der Organismus etwa beim Chorsingen vermehrt Oxytozin ausschüttet, das auch als Vertrauenshormon bekannt ist. Wer allein am Klavier spielt, trainiert vornehmlich feinmotorische Fertigkeiten, Gehör und Gedächtnis. In der Gemeinschaft mit anderen kommt eine weitere wichtige Dimension hinzu: Man will zusammen etwas Schönes erschaffen, muss sich dafür konzentrieren, auf andere einstellen. Der entscheidende Faktor, den jeder Musikpädagoge beachten sollte, ist: Egal ob talentiert oder nicht, jede Schüler macht Fortschritte – und die muss man auch zurückmelden! So entsteht Selbstvertrauen, das wiederum auf anderen Gebieten Vorteile bringt.

Kann Musik auch helfen, das geschädigte Gehirn zu heilen?

Ja, zweifellos. Daniel Scholz, ein Doktorand an unserem Institut, untersucht derzeit, ob Schlaganfallpatienten schneller ihr Bewegungsvermögen wiedererlangen, wenn sie mittels Armbewegungen Melodien erzeugen können. Die ersten Ergebnisse sind viel versprechend. Das akustische Feedback, das an die Motorik gekoppelt ist, verstärkt offenbar die Wirkung der Rehamaßnahmen. Schon 2009 haben finnische Forscher herausgefunden, dass sich Schlaganfallpatienten, denen man über längere Zeit immer wieder ihre Lieblingsmusik vorspielte, rascher erholten. Im Musikerleben steckt mehr Potenzial, als wir gemeinhin glauben.


https://www.welt.de/gesundheit/psychologie/article153754027/Warum-Musik-unserem-Gehirn-so-guttut.html


Wer ein Instrument zur Hand nimmt oder seine Lieblingssongs hört, erlebt Glücksgefühle und wird mitunter schneller gesund. Forscher können immer besser erklären, wie Musik mit unseren Gehirnen spielt.


Schwarze Linien hüpfen im Zickzack über den Monitor. Daniela Sammler folgt konzentriert ihrem Auf und Ab. Die Linien zeigen ihr, was im Kopf der jungen Frau passiert, die Sammler nebenan im Dienst der Wissenschaft in eine schallisolierte Kabine gesperrt hat. Die Tür ist dicht verschlossen, in der Kabine hängen Lautsprecher. Aus den Lautsprechern erklingt Klaviermusik.

Auf dem Kopf der Probandin ist eine Haube befestigt, die mit über 64 Sensoren deren Gehirnaktivität misst und als EEG-Linien auf den Bildschirm überträgt. Damit sie sich nicht langweilt, hat Sammler ihr eine DVD eingelegt, mit Aufnahmen aus dem Ozean, aber ohne Ton. Die Frau soll die Klaviermusik hören. Daniela Sammler hat schiefe Töne in die Sequenzen komponiert.

Die Psychologin möchte am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig herausfinden, wie intuitiv Menschen auf Musik reagieren, ob sie, ohne nachzudenken, falsche Töne und Harmonien erkennen. Die Probandin in der Kabine hat nie ein Instrument gelernt.


Es ist ein winziges Experiment, das dazu beitragen soll, eine große Frage zu beantworten. Wie wirkt Musik auf das Gehirn des Menschen? In den letzten Jahren ist ein ganzer Forschungszweig um diese Frage herum entstanden.

Aufnahmen aus den Gehirnen professioneller Musiker sehen anders aus als die aus den Köpfen von Menschen, die kein Instrument spielen. Mit dieser Erkenntnis ging es los. Bei Profimusikern springt der linke Schläfenlappen an, wenn sie Musik hören, bei Laien der rechte.

Inzwischen weiß man, dass Musiker nicht mit anderen Gehirnen zur Welt kommen. Es ist die Musik, die ihre Gehirne verändert. „Musizieren ist einer der stärksten Anreize für Neuroplastizität“, sagt Eckart Altenmüller von der Musikhochschule Hannover.

Neuroplastizität ist ein Begriff, der die Formbarkeit des Gehirns beschreibt. Nervenzellen verschalten sich neu, ganze Areale wachsen oder schrumpfen. Altenmüller konnte als Erster die unterschiedliche Verschaltung in den Gehirnen der Musiker und Nichtmusiker zeigen. Er ist Neurologe, nebenbei selbst professioneller Flötist – und ein Pionier des Forschungsgebiets.


Musik ist ein gewaltiger Stimulus für das Gehirn. Musizierende Kinder lernen besser Fremdsprachen, Menschen brauchen im Alter oft länger kein Hörgerät, wenn sie Musik gemacht haben. Musiker können sich besser konzentrieren, nicht nur beim Spielen. Die Liste der nachgewiesenen positiven Effekte wird immer länger. Vor allem aber macht Musik glücklich.

Es geht nicht um die Musik, die in Einkaufszentren oder Supermärkten lärmt, aus Fahrstühlen oder Warteschleifen dudelt. Man wird ständig beschallt. Musik war nie so leicht verfügbar wie heute, per Stream, Download, über das eigene Telefon. Aber wann hat man zuletzt wirklich hingehört?

Musik wirkt, wenn Menschen in einer Band spielen, unter der Dusche singen oder abends Salsa tanzen. Oder mit Genuss zuhören.

Erst dann wird Musik zu „einer Brücke zwischen Emotion und Kognition“, sagt Mari Tervaniemi, die in Helsinki ein Forschungsteam leitet, das untersucht, wie man Musik in der Heilung von neurologischen Störungen einsetzen kann. Vielleicht könne mit Musik sogar jeder zu seinem eigenen Therapeuten werden. Das will Tervaniemi untersuchen. Bis dahin rät sie jedem Patienten, im Krankenhaus seine Lieblingsmusik zu hören, denn das könnte die Genesung beschleunigen.


„Es ist noch zu früh, um Musik als Allheilmittel zu erklären. Wir müssen erst herausfinden, warum sie positiv wirkt, um auch die Krankenkassen zu überzeugen“, sagt Daniela Sammler, die Neuropsychologin aus Leipzig.

https://sciencev1.orf.at/science/news/92846



Wie das Gehirn Klavierspielen lernt 

  

Schon unsere Musiklehrer wussten: Um Klavier ohne Blick auf die Hände spielen zu können, bedarf es jahrzehntelanger Übung. Deutsche Hirnforscher schränken diese Meinung nun maßgeblich ein: Einfache musikalische Phrasen können auch von blutigen Anfängern schon nach kurzer Zeit "blind" gespielt werden. Und: bereits nach wenigen Lerneinheiten entstehen jene Erregungsmuster im Gehirn, die auch später für den virtuosen Gebrauch des Instruments notwendig sind. Wie Marc W. Bangert und Eckart O. Altenmüller von der Hochschule für Musik und Theater in Hannover berichten, bildet sich überdies nach fünfwöchigem Training eine spezielle Hirnregion aus, die vermutlich die Ton- und Tasteigenschaften des Pianos repräsentiert.

Aus neurologischen Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren weiß man, dass professionelle Musiker eine besonders intensive Verbindung zwischen den motorischen und auditorischen Regionen in ihrem Gehirn aufweisen.

Das äußert sich z.B. dadurch, dass tonloses Vollführen von Tastbewegungen bei Pianisten auch jene Hirnabschnitte aktiviert, die für die Bearbeitung von Hörreizen verantwortlich sind.

Umgekehrt stimuliert Musikgenuss auch jene Gehirnbereiche, die an den Bewegungen des Klavierspiels beteiligt sind. Glaubt man anekdotischen Berichten, dann geht das mitunter so weit, dass dadurch sogar die Finger unwillkürlich bewegt werden.Verbindung Hand/Ohr schon nach 20 MinutenWie schnell sich diese Verbindung zwischen Hör- und Bewegungszentren im Gehirn ausbildet, war bis dato unbekannt. Intuitiv würde man erwarten, dass dies in der Größenordnung von Jahren vonstatten geht.

Wie Marc Bangert und Eckart Altenmüller nun in der Zeitschrift "BMC Neuroscience" zeigen, kann jedoch bereits nach 20 Minuten Training eine Ko-Aktivierung der jeweiligen Hirnregionen nachgewiesen werden.Anfänger lernten Phrasen "blind" zu spielen. Die beiden Musikforscher untersuchten im Rahmen ihrer Studie Probanden, die keinerlei Vorkenntnisse von Klavierspiel hatten.

Um den Lerneffekt von jeweils 20-minütigen Trainingseinheiten nachzuweisen, gruppierten Bangert und Altenmüller die Testpersonen wie folgt:

Gruppe Nr.1 lernte kurze musikalische Phrasen auf einem E-Piano, wobei während des Trainings weder gesprochen werden durfte, noch der Blick auf die Klaviertasten oder die Hände erlaubt war.

Diese Einschränkung stellte sicher, dass an den Lernvorgängen ausschließlich auditorische und motorische Reize beteiligt waren.Kontrollgruppe: Lerneffekt unterbundenDie zweite Gruppe musste das selbe Trainingsprogramm absolvieren, allerdings wurde die Zuordnung von Klaviertasten und -tönen mit jeder Einheit zufällig verändert:

"Dieser Gruppe wurde also keine Möglichkeit gegeben, eine Verbindung zwischen Fingern und Noten aufzubauen - außer dem kurzfristig gleichzeitigen Auftreten von Anschlag und Schall", erklären die Forscher in einer Aussendung:

"Mit anderen Worten: Diese Personen bekamen keine Möglichkeit, eine interne Verbindung von Bewegungen und Tonhöhen aufzubauen."Effekt mittels EEG dargestellt
Nach der ersten, fünften und zehnten Trainingseinheit wurden die Probanden angehalten, kurze Melodien passiv zu konsumieren. In einem separaten Test mussten sie die erlernten Phrasen auf einem "stummen" E-Piano abspielen. Bei beiden Versuchen wurde die Gehirnaktivität mittels Gleichspannungs-EEG ("DC-EEG") dargestellt.   Mehr über EEG (netdoktor.de)Musik aktiviert auch Bewegungs-ArealeDie beiden Gruppen konnten anhand der gemessenen Erregungsmuster bereits nach der ersten Lerneinheiten unterschieden werden:

So rief etwa das Abspielen von Musik bei den Mitgliedern von Gruppe 1 auch eine Aktivierung in den motorischen Hirnarealen hervor. Bei den anderen Probanden war dies nicht der Fall."Klavier-Region" entdecktÜberdies konnten die deutschen Forscher auch eine Region in der rechten vorderen Hirnhälfte identifizieren, die bei den Mitgliedern der ersten Gruppe deutlich aktiver war.

Marc Bangert und Eckart Altenmüller vermuten, dass in diesem Gehirnbereich die Ton- und Tasteigenschaften des Pianos repräsentiert werden:

"Interessanter Weise liegt diese Region genau dort, wo man auf der linken Hemisphäre das Broca-Areal findet", erklärt Bangert.Lage: Gegenüber dem Broca-ArealDas Broca-Areal ist bekanntlich an der Bearbeitung von Sprache beteiligt. Für die entsprechende Region auf der rechten Seite gab es schon bisher Hinweise, dass sie mit der Wahrnehmung von Melodien und Tonhöhen zu tun haben könnte.